一期一会 · Ichigo Ichie

Ein Moment, der nie wiederkehrt

Ein persönlicher Weg mit Seil, Schülerin und Model · ~ 11 Min. Lesezeit

Tusche-Illustration: ein Ensō-Kreis mit roter Sonne und Seilwicklung über einer Teeschale auf sanfter Landschaft. Titelbild zum Essay über Ichigo Ichie.
Ein Kreis, eine Sonne, ein Seil, eine Schale — und ein Moment, der genau so nie wiederkommt.

初 · Die erste Schülerin

Diese Woche durfte ich meine erste offizielle Shibari-Schülerin begrüssen.

Ich habe bereits viele Workshops gegeben. Über Takate Kote, Seilführung, Bodyhandling, Kommunikation, Konsens, Dominanz und weitere Themen, die für mich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Seilen gehören. Menschen kamen für einige Stunden zu mir, lernten etwas Bestimmtes und nahmen danach hoffentlich neue Werkzeuge, Gedanken und Erfahrungen mit nach Hause.

Dieses Mal war es anders.

Hier möchte kein Mensch bloss einen bestimmten Knoten oder eine einzelne Fesselung lernen. Meine Schülerin möchte meinen Weg der Seile kennenlernen. Die Art, wie ich mit dem Seil denke, wie ich einem Menschen begegne, wie ich führe, beobachte, reagiere und Verantwortung übernehme. Es geht um meine Haltung gegenüber dem Menschen im Seil, aber ebenso um die Haltung zu sich selbst.

Das berührt mich tief.

Und ehrlich gesagt machte es mir am Anfang auch ein wenig Angst.

一期一会 · Ichigo Ichie

Der japanische Ausdruck Ichigo Ichie wird mit den Schriftzeichen 一期一会 geschrieben und lässt sich ungefähr mit «einmal, eine Begegnung» übersetzen. Die Haltung ist eng mit der japanischen Teekultur verbunden. Sie erinnert Gastgeber und Gäste daran, einer Zusammenkunft mit voller Aufmerksamkeit zu begegnen, weil genau dieses Treffen niemals wieder in derselben Form stattfinden wird.

Selbst wenn dieselben Menschen später erneut im selben Raum sitzen, wird es eine andere Begegnung sein. Gedanken haben sich verändert. Gefühle sind aufgetaucht oder verschwunden. Entscheidungen wurden getroffen. Vielleicht ist draussen anderes Wetter. Vielleicht trägt einer der Menschen eine Erfahrung in sich, die beim letzten Treffen noch nicht existierte.

Für mich bedeutet Ichigo Ichie genau das.

Jeder Moment kann etwas verändern. Eine Entscheidung. Ein Blick. Eine Berührung. Ein Satz, der scheinbar beiläufig ausgesprochen wird und plötzlich eine Tür öffnet, von deren Existenz vorher niemand etwas wusste.

Wenn der Moment vorüber ist, wird er nie wieder so stattfinden.

Man kann versuchen, ihn nachzustellen. Man kann denselben Raum betreten, dasselbe Seil nehmen und sogar dieselben Menschen zusammenbringen. Trotzdem fehlt etwas. Oder etwas Neues ist hinzugekommen.

Der Moment ist gegangen.

縁 · Der Gedanke dahinter

Diese Geschichte ist die gelebte Seite von Ichigo Ichie. Was der Satz grundsätzlich für meine Arbeit bedeutet — für Begegnung, Seil und Fotografie — habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben: Ichigo Ichie — Was dieser Satz für meine Arbeit bedeutet.

縄 · «Ich will jetzt fesseln lernen»

Meine Schülerin hat bereits viel Erfahrung mit Seilen. Allerdings hauptsächlich auf der anderen Seite.

Sie war regelmässig bei mir im Seil und sagte früher ziemlich deutlich, dass sie einfach gefesselt werden möchte. Selbst fesseln? Nein. Kein Interesse. Das war sauber abgelegt, beschriftet und innerlich offenbar abgeschlossen.

Zumindest dachte ich das.

Nach einer wunderschönen gemeinsamen Fesselsession fiel plötzlich dieser Satz:

«Ich will jetzt von dir
fesseln lernen

Ich hielt es zuerst für einen Scherz.

Schliesslich hatte ich ihre früheren Aussagen noch gut im Kopf. Doch einige Zeit später, nach einer weiteren Session, kam der Wunsch erneut. Diesmal klar. Ruhig. Ohne Hintertür.

Also begannen wir zu planen.

Wir fanden ein Datum. Meine Schülerin brachte ein Model mit, das bisher noch keinerlei Erfahrung mit Shibari hatte. Damit trafen an diesem Tag drei sehr unterschiedliche Ausgangslagen aufeinander: eine Frau mit viel Erfahrung im Gefesseltwerden, eine Frau ohne jede Erfahrung mit Seilen und ich, der plötzlich begriff, dass er seinen eigenen Weg nicht mehr bloss gehen, sondern verständlich vermitteln sollte.

Das klingt romantischer, als es sich im Vorfeld anfühlte.

In meinem Kopf liefen ungefähr siebenunddreissig mögliche Katastrophen gleichzeitig herum. Was könnte beim Model passieren? Wo könnte meine Schülerin überfordert sein? Wie erkläre ich etwas, das für mich nach vielen Jahren beinahe selbstverständlich geworden ist? Wie unterrichte ich einen Weg, der stark aus Wahrnehmung, Erfahrung und Gefühl besteht?

Und wie verhindere ich, dass daraus bloss ein technischer Knotenunterricht wird?

Ich war nervös.

Sehr sogar.

Tusche-Illustration dreier Figuren, verbunden durch einen roten Faden.
Drei Menschen, drei Ausgangslagen, ein gemeinsamer Lernweg.

無 · Die bewusst planlose erste Lektion

Wir trafen uns zum ersten Kennenlernen. Ich redete im Vorfeld absichtlich nicht besonders viel. Keine lange Einführung. Kein Vortrag über meine Philosophie. Keine fünfzehnseitige Präsentation, nach der bereits alle erschöpft sind, bevor das erste Seil überhaupt den Boden verlässt.

Wir starteten direkt.

Die erste Lektion war bewusst planlos aufgebaut.

Wobei das nicht ganz stimmt. Sie sollte planlos wirken. In meinem Kopf hatte sie einen ziemlich klaren Zweck.

Ich gab meiner Schülerin ein Seil in die Hand und sagte:

«Los. Mach einfach

Dann geschah etwas Wunderbares.

Panik.

Keine medizinische Panikattacke. Aber in ihrem Gesicht war für einige Sekunden sehr deutlich zu lesen, dass dieses Seil vermutlich gerade komplizierter wirkte als die Steuerung eines kleinen Kernkraftwerks.

Die Augen wurden gross. Die Hände wussten plötzlich nichts mehr. Sämtliche Erfahrungen aus dem Gefesseltwerden hatten sich offenbar gemeinsam hinter einem Vorhang versteckt.

Ich sagte noch einmal:

«Mach einfach einen Knoten. Du hast ein wunderbares Model und ein Seil. Das Seil muss irgendwie an den Körper.»

Das half nur bedingt.

Meine Schülerin wusste natürlich, dass es beim Shibari bestimmte Knoten, Techniken und Regeln gibt. Genau dieses Wissen stand ihr in diesem Moment jedoch im Weg. Plötzlich musste der Anfang perfekt sein. Der richtige Knoten musste her. Die korrekte Technik. Der saubere Ablauf.

Und genau dort wollte ich hin.

Denn ein besonderer Knoten kann sinnvoll sein. Er kann Sicherheit geben, Belastungen verteilen oder eine spätere Bewegung ermöglichen. Doch er ist keine zwingende Eintrittskarte für eine schöne Erfahrung.

Manchmal braucht es zuerst ein Seil.

Einen Anfang.

Und den Mut, es an den Körper zu legen.

結 · Der erste Knoten muss nicht die ganze Reise kennen

Meine Schülerin begann vorsichtig. Fast zaghaft.

Die ersten Wicklungen fanden ihren Weg um den Körper des Models. Noch etwas unsicher, noch stark vom eigenen Denken kontrolliert. Jede Bewegung schien innerlich geprüft zu werden: Darf ich das? Ist das richtig? Müsste das Seil nicht anders liegen?

Doch das Model blieb ruhig.

Diese Ruhe war ein Geschenk. Gleichzeitig war eine grosse Neugier spürbar. Für das Model war diese Welt neu. Jede Berührung des Seils, jede Bewegung und jede kleine Veränderung am Körper wurde aufmerksam aufgenommen.

Nach und nach veränderte sich die Stimmung.

Die Anspannung meiner Schülerin wurde kleiner. Die Schultern sanken ein wenig. Die Hände begannen, weniger nach einer korrekten Lösung zu suchen und stärker auf das zu reagieren, was tatsächlich vor ihnen geschah.

Das Seil wurde beweglicher.

Der Mut wuchs.

Und irgendwann verschwand dieser angestrengte Blick, der unbedingt alles richtig machen wollte. An seine Stelle trat Freude.

Genau das wollte ich sehen.

Wir bauten die ersten Wicklungen gemeinsam weiter. Wir schauten verschiedene Verschlaufungen an und nutzten sie, um mit dem Seil die Richtung zu wechseln. Es ging noch nicht darum, ein möglichst eindrucksvolles Muster zu erschaffen. Der Körper sollte gelesen werden. Das Seil sollte sich bewegen dürfen. Meine Schülerin sollte spüren, dass eine Fesselung nicht aus einer Sammlung isolierter Handgriffe besteht.

Natürlich kamen später auch der klassische Single Column Tie und der Double Column Tie dazu.

Technik gehört zum Fesseln.

Ich werde meiner Schülerin Knoten, Friktionen, Seilverläufe, Belastungsrichtungen und Sicherheitsgrundlagen vermitteln. Wir werden genau arbeiten. Vermutlich werde ich gewisse Dinge so oft wiederholen, bis sie diese irgendwann im Schlaf kann und mich dafür ein kleines bisschen verflucht.

Aber Technik bleibt ein Werkzeug.

Sie ist nicht die Begegnung.

念 · Das gemeinsame Erleben steht zuerst

Für mich beginnt Shibari nicht beim Knoten.

Es beginnt bei der Aufmerksamkeit.

Wie steht der Mensch vor mir? Wie atmet er? Wo entsteht Spannung im Körper? Wird eine Berührung angenommen, ausgehalten oder vielleicht nur still ertragen? Was verändert sich, wenn ich das Tempo reduziere? Wann braucht es Führung, wann Raum und wann ein klares Stoppen?

Ein technisch perfekter Knoten
kann menschlich vollkommen leer sein.

Eine einfache Wicklung kann dagegen
sehr viel auslösen, wenn beide Menschen
wirklich im selben Moment anwesend sind.

Deshalb möchte ich meiner Schülerin vermitteln, gemeinsam mit ihrem Model im Moment zu sein. Wahrzunehmen. Zu fühlen. Entscheidungen nicht bloss nach einem einstudierten Plan zu treffen, sondern auf das zu reagieren, was gerade entsteht.

Mit der Zeit wird die Technik sicherer.

Sie fliesst schneller aus den Händen. Man muss nicht mehr über jeden Schritt nachdenken. Der Kopf wird leiser und schafft Platz für die Begegnung.

Dann kann Flow entstehen.

Nicht, weil man die Technik ignoriert, sondern weil man sie so lange geübt hat, dass sie den Moment trägt, statt ihn ständig zu unterbrechen.

瞬 · Drei Stunden, viele kleine Momente

Die erste Lektion dauerte knapp drei Stunden.

Am Ende waren meine Schülerin und ihr Model ziemlich erschöpft. Nicht dramatisch erschöpft, aber auf jene besondere Art müde, die entsteht, wenn der Kopf sehr viel Neues verarbeitet und der Körper gleichzeitig aufmerksam geblieben ist.

Beide hatten ein kleines Lächeln im Gesicht.

Und dieses Strahlen in den Augen.

Es gab während der Lektion keinen einzigen grossen, filmreifen Wendepunkt. Keine pathetische Musik setzte ein. Niemand stand plötzlich auf einem Berggipfel und verstand das ganze Universum der Seile.

Es waren viele kleine Momente.

Die sichtbare Überforderung am Anfang. Das erste vorsichtige Seil am Körper. Ein Lachen, nachdem etwas nicht so funktionierte wie geplant. Die Freude, als eine Verschlaufung plötzlich Sinn ergab. Die wunderschönen Reaktionen des Models. Das zunehmende Vertrauen. Die Ruhe, die nach und nach in die Hände meiner Schülerin kam.

Und genau darin lag für mich die Schönheit.

Ichigo Ichie muss kein gewaltiger Augenblick sein, der das gesamte Leben mit einem Donnerschlag verändert. Manchmal zeigt es sich in einem Blick. In einer unsicheren Hand, die trotzdem weitermacht. In einem Menschen, der zum ersten Mal Seil auf seiner Haut spürt. Oder in einer Schülerin, die bemerkt, dass sie mehr kann, sobald sie für einen Moment aufhört, alles perfekt machen zu wollen.

道 · Ein gemeinsamer Weg zu dritt

Nach dieser ersten Lektion hatte ich ein deutlich klareres Bild davon, wie ich unseren gemeinsamen Weg aufbauen möchte.

Ich werde einen vollständigen Lehrplan entwickeln. Nicht einfach eine Liste mit Knoten, die der Reihe nach abgearbeitet werden. Meine Schülerin soll verstehen, warum ich bestimmte Entscheidungen treffe. Wie ich Menschen lese. Wie ich Nähe aufbaue. Wie ich mit Unsicherheit umgehe und weshalb Fehler nicht versteckt, sondern betrachtet werden müssen.

Und dieser Weg gehört nicht nur meiner Schülerin und mir.

Ihr Model wird bei den kommenden Lektionen immer dabei sein. Auch das ist für mich wesentlich. Denn meine Schülerin lernt nicht an einem austauschbaren Körper. Sie lernt mit einem Menschen, dessen Reaktionen, Grenzen, Unsicherheiten und Vertrauen sich gemeinsam mit ihr verändern werden.

Das Model wird ebenfalls lernen. Vielleicht nicht dieselben Knoten, aber den eigenen Körper im Seil, die eigene Sprache, die eigenen Grenzen und die Art, Rückmeldung zu geben. Zwischen beiden wird eine gemeinsame Seilsprache entstehen. Langsam. Manchmal holprig. Vielleicht an einzelnen Tagen überraschend klar.

Es wird technische Aufgaben geben.

Es wird Herausforderungen geben, die unbequem sind. Übungen, bei denen meine Schülerin planen muss, und andere, bei denen der Plan bewusst weggenommen wird. Manchmal wird nur ein einziges Seil zur Verfügung stehen. Manchmal wird eine klare Struktur helfen. Und manchmal werde ich vermutlich wieder sagen:

«Los. Mach einfach.»

Meine Schülerin wird auf diesem Weg sehr viel lernen.

Das Model ebenfalls.

Ich allerdings auch.

Denn sobald ich meinen eigenen Weg erklären muss, kann ich mich nicht mehr hinter Erfahrung oder Intuition verstecken. Ich muss genauer hinsehen. Weshalb mache ich etwas so? Welche Schritte sind wirklich sinnvoll? Was ist gewachsen, was habe ich übernommen und was passt vielleicht längst nicht mehr zu meiner heutigen Haltung?

Unterrichten hält einem einen Spiegel hin.

Er zeigt auch die Stellen, an denen man bisher einfach gehandelt hat, ohne die eigene Entscheidung vollständig in Worte fassen zu können.

Tusche-Illustration eines sich windenden Weges mit einem Ensō-Kreis und roter Sonne.
Technik gibt Halt. Der gemeinsame Weg entsteht trotzdem erst im Gehen.

一会 · Eine Begegnung, die nicht wiederkommt

Wir werden uns erneut treffen.

Meine Schülerin wird wieder ein Seil in die Hand nehmen. Ihr Model wird wieder vor ihr stehen, sitzen oder liegen. Ich werde wieder beobachten, erklären, unterbrechen und manchmal bewusst nichts sagen.

Doch diese erste Lektion ist vorbei.

Meine Schülerin wird beim nächsten Mal bereits wissen, dass ich sie ohne grosse Vorwarnung ins kalte Wasser werfen kann. Der erste Knoten wird nicht mehr dieselbe Hürde sein. Das Model kennt nun das Gefühl des Seils und weiss, wie es sich anfühlt, gemeinsam mit meiner Schülerin etwas völlig Neues zu beginnen. Ich habe inzwischen ein klareres Bild von beiden Menschen und von meinem Unterricht.

Wir werden nicht mehr dieselben sein.

Genau deshalb ist diese erste Begegnung für mich ein perfektes Beispiel für Ichigo Ichie. Nicht, weil alles perfekt ablief. Das tat es nicht. Die Schönheit lag gerade in der Unsicherheit, im Lachen, in der anfänglichen Überforderung und in dem Mut, trotzdem einen Anfang zu machen.

Ein Seil.
Ein Model.
Eine Schülerin.

Ein gemeinsamer Moment,
der bereits wieder verschwunden ist.

— Stjepan

Quellenhinweis zur Begriffserklärung: JapanGov, Highlighting Japan, Januar 2021 — «Spiritual Growth and the Way of Tea».

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