省 · Sei — Selbstprüfung

Fehler machen

Warum Entwicklung nicht dort beginnt, wo wir fehlerlos werden, sondern dort, wo wir ehrlich hinschauen · ~ 13 Min. Lesezeit

Minimalistische Illustration: eine aufrechte Tür mit dem Initial S, aus der ein heller Weg nach vorne führt, umgeben von feinen Linien und Lichtpunkten.
Ein Blog über Verantwortung, Entwicklung und das mutige Hinschauen.

誠 · Nicht fehlerlos, sondern ehrlicher

Wenn man meine bisherigen Blogs liest, könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen, ich hätte vieles im Griff. Vielleicht sogar, ich wüsste immer genau, was ich tue.

Als würde ich über Kommunikation, Grenzen, Verantwortung, Entwicklung, Konsens, Achtsamkeit und all diese Themen schreiben, weil ich selbst längst fehlerlos durch mein Leben spazieren würde.

Aber das wäre komplett falsch.

Ich mache Fehler.

Nicht nur kleine. Nicht nur selten. Ich mache Fehler, ich habe Fehler gemacht und ich werde auch in Zukunft Fehler machen. In meinem Denken. In meinem Handeln. In meinen Beziehungen. In meiner Arbeit. In meinem Umgang mit mir selbst und manchmal auch mit anderen Menschen.

Der Unterschied ist nicht,
dass ich keine Fehler mehr mache.
Der Unterschied ist, dass mein
Umgang mit Fehlern
ein anderer geworden ist.

影 · Wenn alte Muster plötzlich sichtbar werden

Früher waren Fehler für mich oft etwas, das ich am liebsten versteckt hätte. Etwas, das unangenehm war. Etwas, das Diskussionen auslösen konnte. Etwas, das mich angreifbar machte. Ich wollte Dinge erklären, rechtfertigen, vermeiden, manchmal auch einfach nicht hinschauen. Nicht unbedingt aus böser Absicht, sondern weil gewisse Muster tief sitzen.

Manche dieser Strukturen habe ich lange mit mir herumgetragen. Manche habe ich gar nicht als solche erkannt. Sie waren einfach da. Wie Möbel in einem Raum, in dem man schon zu lange lebt. Man stolpert immer wieder darüber, aber irgendwann denkt man, das sei normal.

Erst wenn man anfängt, wirklich hinzuschauen, merkt man, wie viel Platz gewisse Dinge eingenommen haben.

Ich beschäftige mich inzwischen sehr intensiv mit mir selbst. Mit alten Mustern. Mit Blockaden. Mit Dingen aus meiner Vergangenheit. Mit Situationen aus der nahen Vergangenheit. Mit Entscheidungen, die ich getroffen habe. Mit Momenten, in denen ich verletzt habe. Mit Momenten, in denen ich verletzt wurde. Und auch mit Momenten, in denen ich mir selbst nicht gutgetan habe.

Nicht körperlich. Aber innerlich.

In meinem Kopf. In meinem Herzen. In meiner Art, immer zuerst zu überlegen, was für mein Gegenüber am besten wäre, bevor ich überhaupt gespürt habe, was für mich selbst richtig ist. Ich habe oft zuerst versucht, Frieden zu bewahren. Diskussionen zu vermeiden. Es anderen leichter zu machen. Erwartungen zu erfüllen. Verständnis zu zeigen. Rücksicht zu nehmen.

An sich sind das keine schlechten Eigenschaften. Aber wenn man sich selbst dabei immer wieder hintenanstellt, wird es irgendwann gefährlich leise in einem.

Dann merkt man vielleicht gar nicht, dass man sich selbst verliert. Man funktioniert. Man ist da. Man hält Dinge zusammen. Man versucht, ruhig zu bleiben. Man wägt ab. Man überdenkt. Man hinterfragt. Man schluckt. Man passt sich an.

Und irgendwann fragt man sich: Wo bin eigentlich ich geblieben?

Diese Frage war für mich nicht leicht. Sie war unbequem. Sie tat weh. Sie war nicht romantisch, nicht spirituell glänzend, nicht irgendein schöner Entwicklungsmoment mit Kerzenlicht und Klangschale. Sie war eher wie ein Spiegel, den man nicht mehr wegdrehen kann.

Und trotzdem war sie wichtig.

助 · Hilfe annehmen ist Verantwortung

Ich habe gemerkt, dass ich manche Dinge nicht alleine lösen kann. Vor allem jene Dinge nicht, die mich geprägt haben, bevor ich überhaupt verstanden habe, wie sehr sie mich prägen. Es gibt Themen, da reicht es nicht, mit sich selbst im Kreis zu denken. Da reicht es nicht, stark zu sein. Da reicht es nicht, noch ein Buch zu lesen, noch einen Blog zu schreiben oder noch eine Nacht darüber nachzugrübeln.

Manchmal braucht es Hilfe.
Und ich habe keine Angst mehr
davor, das zu sagen.

Ich habe keine Angst mehr davor, über diese Dinge zu sprechen. Und ich habe auch keine Angst mehr davor, mir professionelle Hilfe zu holen. Nicht, weil Menschen in meinem Umfeld nicht zuhören würden. Ich weiss, dass es Menschen gibt, die für mich da wären. Aber gewisse Themen brauchen einen anderen Raum. Einen geschützten Raum. Einen klaren Raum. Einen Raum, in dem es nicht darum geht, jemanden aus dem eigenen Umfeld zu belasten, sondern darum, wirklich hinzuschauen, zu sortieren und weiterzukommen.

Für mich war das ein grosser Schritt. Vielleicht sogar einer der grössten. Weil es bedeutet hat, mir selbst einzugestehen: Ich muss nicht alles alleine tragen. Ich muss nicht alles alleine verstehen. Ich muss nicht alles alleine lösen. Und ich bin nicht schwach, weil ich Unterstützung brauche.

Im Gegenteil. Für mich ist es inzwischen ein Zeichen von Verantwortung.

Verantwortung mir selbst gegenüber. Verantwortung gegenüber den Menschen, mit denen ich in Beziehung stehe. Verantwortung gegenüber meiner Arbeit als Coach, Fotograf, Shibari-Künstler und Eventorganisator. Denn wenn ich mit Menschen arbeite, wenn ich Räume öffne, wenn ich über Nähe, Grenzen, Vertrauen und Kommunikation spreche, dann muss ich auch bereit sein, bei mir selbst hinzusehen.

Nicht perfekt. Aber ehrlich.

行 · Zwischen Erkenntnis und gelebter Veränderung

Ich schreibe viel über Entwicklung. Über Bewusstsein. Über Kommunikation. Über Bedürfnisse. Über Grenzen. Über Präsenz. Über Verantwortung. Und ja, ich versuche diese Dinge auch zu leben. Aber genau darin liegt die Herausforderung: Etwas aufzuschreiben ist das eine. Es wirklich zu leben, wenn es unbequem wird, ist etwas ganz anderes.

Es ist leicht, über Grenzen zu schreiben. Es ist schwerer, sie auszusprechen, wenn man weiss, dass sie jemanden enttäuschen könnten.

Es ist leicht, über Bedürfnisse zu schreiben. Es ist schwerer, zu ihnen zu stehen, wenn man jahrelang gelernt hat, sie kleiner zu machen.

Es ist leicht, über Verantwortung zu schreiben. Es ist schwerer, Verantwortung zu übernehmen, wenn man merkt, dass man selbst Teil eines Problems war.

Es ist leicht, über Wachstum zu schreiben. Es ist schwerer, wenn Wachstum bedeutet, dass alte Sicherheiten wegbrechen.

Und genau dort passiert für mich im Moment sehr viel.

Ich bin auf einem Weg. Nicht auf einem fertigen Weg, nicht auf einem geraden Weg, nicht auf einem Weg mit sauberem Wanderweg-Schild und hübscher Aussichtskarte. Eher auf einem Weg, auf dem ich manchmal durch Nebel laufe, manchmal stolpere, manchmal zurückschaue und manchmal merke: Okay, hier bin ich früher immer ausgewichen. Diesmal nicht.

己 · Mich selbst nicht mehr an letzter Stelle einordnen

Minimalistische Illustration eines Kompasses, dessen Nadel auf ein kleines Herz im Zentrum zeigt, umgeben von feinen Kreisen.
Nicht mehr nur reagieren, sondern wirklich bei sich sein — die eigene Mitte finden.

Ich merke, dass ich mir immer weniger selbst im Weg stehe.

Früher habe ich vieles überdacht. Immer wieder. Was ist richtig? Was ist falsch? Was denkt der andere? Was passiert, wenn ich das sage? Verletze ich jemanden? Bin ich zu viel? Bin ich zu direkt? Bin ich egoistisch? Muss ich mich zurücknehmen? Muss ich mich erklären?

Heute versuche ich mehr zu spüren.

Was denke ich wirklich? Was brauche ich wirklich? Was fühlt sich für mich richtig an? Wo gehe ich nur mit, weil ich Angst vor Konflikt habe? Wo sage ich Ja, obwohl in mir längst ein Nein steht? Wo verliere ich mich, weil ich Frieden bewahren will?

Diese Fragen sind nicht immer angenehm. Aber sie sind ehrlich. Und sie bringen mich näher zu mir selbst.

Ich habe gelernt, dass ich meinen Gedanken und Bedürfnissen Raum geben darf. Dass ich nicht ständig zuerst durchrechnen muss, ob sie für andere bequem genug sind. Natürlich heisst das nicht, rücksichtslos zu werden. Es heisst nicht, nur noch auf sich selbst zu schauen und alles andere zu ignorieren. Das wäre nur das andere Extrem.

Aber es heisst, mich selbst
nicht mehr automatisch
an letzter Stelle einzuordnen.

Das war für mich ein extremer Schritt. Ein Schritt, der Überwindung gebraucht hat. Und manchmal immer noch braucht. Aber ich merke: Je mehr ich es lebe, desto einfacher wird es. Nicht weil es plötzlich leicht ist, sondern weil es ehrlicher wird. Weil ich mich nicht mehr ständig verbiegen muss. Weil ich nicht mehr in jeder Situation gegen mich selbst arbeite.

痛 · Die schmerzhafte Seite von Wachstum

Trotzdem ist dieser Weg auch mit Schmerzen verbunden.

Manchmal verletzt man auf diesem Weg Menschen, die einem wichtig sind. Nicht absichtlich. Nicht aus Kälte. Aber weil Veränderung auch Reibung erzeugt. Weil man plötzlich Dinge sagt, die man früher geschluckt hätte. Weil man Grenzen setzt, wo man früher nachgegeben hätte. Weil man nicht mehr dieselbe Rolle spielt, die andere vielleicht gewohnt waren.

Und manchmal tut das weh. Dem Gegenüber. Und einem selbst.

Ich glaube, genau deshalb ist Entwicklung so herausfordernd. Weil sie nicht nur aus Erkenntnissen besteht. Sie besteht aus Konsequenzen. Aus Gesprächen. Aus Abschieden von alten Mustern. Aus unangenehmen Momenten. Aus dem Mut, ehrlich zu sein, auch wenn Ehrlichkeit nicht immer schön verpackt daherkommt.

Aber ich will nicht mehr nur funktionieren. Ich will leben.

Ich will meine Mitte finden. Mein Chi. Mein Inneres. Oder wie auch immer man es nennen möchte. Diese Worte klingen für manche vielleicht zu gross, zu weich oder zu spirituell. Für mich beschreiben sie einfach diesen Punkt in mir, an dem ich nicht mehr nur reagiere, sondern wirklich bei mir bin.

師 · Fehler bleiben Lehrer

Eine zerbrochene Schale, deren Bruchlinien mit goldenen Nähten zusammengefügt sind — die japanische Kunst Kintsugi, bei der Brüche nicht versteckt, sondern mit Gold sichtbar gemacht werden.
Kintsugi — die Risse werden nicht versteckt, sondern mit Gold gefüllt. Was zerbrochen war, trägt seine Geschichte sichtbar weiter.

Und ja, ich mache Fehler. Auch heute noch.

Manchmal sogar genau die Fehler, über die ich schreibe. Manchmal erkenne ich sie erst später. Manchmal schäme ich mich. Manchmal ärgere ich mich über mich selbst. Manchmal denke ich: Verdammt, das hättest du doch inzwischen besser wissen müssen.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Wissen allein reicht nicht.

Entwicklung ist keine Prüfung, die man einmal besteht und dann hat man den Stempel auf der Stirn: Menschlich gereift, bitte weitergehen.

Entwicklung ist Wiederholung.
Beobachtung. Korrigieren.
Hinfallen. Aufstehen.
Sich entschuldigen. Verantwortung übernehmen.
Grenzen setzen. Hilfe annehmen.
Wieder versuchen.

Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt. Über Menschen. Über Körper. Über Seil. Über Nähe. Über Fotografie. Über Räume. Über Verantwortung. Aber wahrscheinlich lerne ich im Moment am meisten über mich selbst.

Und das ist nicht immer elegant. Manchmal ist es chaotisch. Manchmal widersprüchlich. Manchmal schmerzhaft. Manchmal befreiend. Manchmal alles gleichzeitig.

責 · Rechenschaft vor mir selbst

Ich merke immer mehr, dass die einzige Person, der ich wirklich Rechenschaft ablegen muss, ich selbst bin.

Nicht im Sinne von: Mir ist egal, was andere fühlen. Sondern im Sinne von: Ich muss am Ende mit mir selbst leben können.

Mit meinen Entscheidungen. Mit meinen Grenzen. Mit meinen Bedürfnissen. Mit meinen Fehlern. Mit meinen Versuchen, es besser zu machen.

Ich bin mein eigenes Glück.

Diesen Satz konnte ich lange nicht wirklich fühlen. Vielleicht konnte ich ihn denken. Vielleicht konnte ich ihn sogar jemand anderem sagen. Aber ihn wirklich auf mich selbst anzuwenden, war etwas anderes.

Ich habe mein eigenes Glück zu lange vernachlässigt. Nicht aus böser Absicht. Nicht weil ich mich selbst nicht mochte. Sondern weil ich zu oft Dingen aus dem Weg gegangen bin. Weil ich den Frieden wahren wollte. Weil ich dachte, es sei einfacher, mich selbst etwas kleiner zu machen, als eine Diskussion zu riskieren. Weil ich gelernt hatte, dass Harmonie manchmal wichtiger wirkt als Wahrheit.

Aber Harmonie, die auf Selbstverleugnung basiert, ist keine echte Harmonie. Sie ist nur ein stiller Vertrag, bei dem man irgendwann merkt, dass man ihn nie bewusst unterschrieben hat.

育 · Weiter wachsen, weiter lernen

Ein junger Baum, dessen Wurzeln sich aus einer langen Reihe von Steinen am Boden nähren, während die Krone der Sonne entgegenwächst.
Wachstum nährt sich aus allem, was war — auch aus den Steinen.

Heute versuche ich anders zu leben. Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Nicht immer souverän. Aber bewusster.

Ich will nicht mehr stehen bleiben. Stillstand ist für mich keine Option. Nicht im Zwischenmenschlichen. Nicht als Coach. Nicht als Fotograf. Nicht als Shibari-Künstler. Nicht als Eventorganisator. Nicht als Mensch.

Ich bin fast 44 Jahre alt und ich lerne immer noch. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass das so bleibt.

Denn wer aufhört zu lernen, hört auch auf, sich selbst wirklich zu begegnen.

Ich wachse weiter. Ich entwickle mich weiter. Ich mache Fehler. Ich lerne daraus. Ich schaue hin. Ich hole mir Hilfe, wenn ich sie brauche. Ich übernehme Verantwortung, wo sie bei mir liegt. Und ich versuche, mir selbst gegenüber ehrlicher zu werden.

結 · Schlussgedanke

Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Fehler machen ist nicht das Ende. Fehler können ein Anfang sein.

Ein Anfang von mehr Ehrlichkeit. Mehr Klarheit. Mehr Verantwortung. Mehr Selbstachtung. Mehr Wachstum.

Nicht jeder Fehler wird dadurch schön. Manche bleiben schmerzhaft. Manche hinterlassen Spuren. Manche brauchen Zeit, Gespräche und echte Arbeit.

Aber wenn ich bereit bin hinzuschauen, dann muss ein Fehler nicht nur ein Bruch sein. Er kann auch ein Lehrer sein.

Und ich glaube, genau dort beginnt Entwicklung.
Nicht dort, wo wir behaupten,
keine Fehler mehr zu machen.

Sondern dort, wo wir aufhören,
vor ihnen wegzulaufen.

— Stjepan

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