心 · Xīn — das Herz des Sutra

Das Herzsutra und mein Weg

Nummer 17 von 20 · Eine persönliche Begegnung mit Kalligrafie, Kung Fu, Leerheit und einem Mantra · ~ 9 Min. Lesezeit

Foto einer handkalligrafierten Schriftrolle: das Herzsutra in schwarzer Tusche, in senkrechten Spalten auf warmem, goldfarbenem Grund. Rechts eine in Rot gezeichnete Figur des Bodhisattva Avalokiteshvara in einer Aureole.
Die handkalligrafierte Schriftrolle meines Urgrossmeisters · Nummer 17 von 20.

260 chinesische Zeichen. Schwarze Tusche auf warmem, goldfarbenem Grund. Und eine Geschichte, die für mich im Jahr 2017 beginnt.

巻 · Eine Schriftrolle, die mich begleitet

Damals habe ich mit klassischem Shaolin Kung Fu angefangen. Zwei Jahre später, 2019, durfte ich meinen Urgrossmeister in China besuchen. Um 2021 kalligrafierte er zwanzig dieser Schriftrollen von Hand. Anschliessend wurden sie im Shaolin-Tempel am Songshan bei Dengfeng in der chinesischen Provinz Henan durch den Abt des Klosters gesegnet.

Eine davon gehört heute mir.

Ich habe die Nummer 17 von 20 gewählt. Nicht zufällig, denn 2017 begann mein Weg mit dem Kung Fu und mit den Lehren, die weit über Bewegungsabläufe, Stände und Formen hinausreichen. Die Zahl verbindet den Anfang meines Weges mit einer Schriftrolle, die mich inzwischen seit mehreren Jahren begleitet. Auf der linken Seite ist das buddhistische Jahr 2564 vermerkt. Das entspricht dem Jahr 2021.

Diese Rolle ist für mich keine Dekoration. Sie trägt die Handschrift meines Urgrossmeisters, die Verbindung zu meinem Besuch in China und einen Text, dessen Tiefe ich bisher vermutlich erst gestreift habe. Ich habe das Mantra des Herzsutras bereits gemeinsam mit meinem Grossmeister in Luzern rezitiert. Wir haben damals über seine Bedeutung gesprochen. Vieles davon habe ich später wieder vergessen.

Auch das gehört zum Weg. Vergessen bedeutet nicht, dass etwas wertlos geworden ist. Manchmal liegt eine Lehre über Jahre still da, bis man bereit ist, ihr wieder anders zu begegnen.

Tuschezeichnung im Sumi-e-Stil: ein Ensō-Kreis steht wie eine Sonne über einer weiten Landschaft, ein dunkler Tuschepfad führt über Wasser und Sand auf ihn zu.
Der Weg ist keine Trophäe. Er bleibt Bewegung.

文 · Was auf der Schriftrolle steht

Die Rolle enthält das 般若波羅蜜多心經, das Herzsutra. Der vollständige Sanskrittitel lautet Prajñāpāramitā-hṛdaya-sūtra. Die chinesische Aussprache des Titels wird im Pinyin als Bōrě Bōluómìduō Xīnjīng geschrieben, grob gesprochen etwa „Bo-rö, Bo-luo-mi-duo, Schin-dsching“.

ZeichenAusspracheBedeutung
般若Bōrě / PrajñāKeine blosse Ansammlung von Wissen, sondern Weisheit, die unmittelbar erkennt, wie die Dinge beschaffen sind.
波羅蜜多Bōluómìduō / PāramitāVollkommenheit; auch als Hinübergelangen ans andere Ufer verstanden.
XīnHerz, Mitte, Kern oder Essenz.
JīngSutra, ein überlieferter Lehrtext.

Der Titel lässt sich deshalb als „Sutra vom Herzen der vollkommenen Weisheit“ verstehen. Das Herz ist hier nicht bloss der Sitz von Gefühlen. Es meint den innersten Kern der Lehre.

Auf der Rolle stehen die Zeichen in senkrechten Spalten. Gelesen wird von oben nach unten und von rechts nach links. Wer mit westlicher Gewohnheit links beginnt, landet zuerst beim Ende. Die Fassung entspricht der verbreiteten chinesischen Kurzversion mit 260 Zeichen, die traditionell dem Mönch und Übersetzer Xuanzang aus dem 7. Jahrhundert zugeschrieben wird.

Der Anfang

觀自在菩薩,行深般若波羅蜜多時,照見五蘊皆空,度一切苦厄。

Guānzìzài Púsà, xíng shēn Bōrě Bōluómìduō shí, zhào jiàn wǔyùn jiē kōng, dù yīqiè kǔ’è.

Avalokiteshvara übt sich tief in der vollkommenen Weisheit. Dabei erkennt er, dass die fünf Skandhas leer sind, und überschreitet dadurch Leiden und Bedrängnis.

Avalokiteshvara verkörpert Mitgefühl. Das finde ich bemerkenswert: Nicht ein kalter, distanzierter Denker spricht über Leerheit, sondern die Gestalt des Mitgefühls. Weisheit ohne Mitgefühl kann hart werden. Mitgefühl ohne klares Erkennen kann sich verlieren.

五 · Die fünf Skandhas

Die Zeichen 五蘊, Wǔyùn, bezeichnen die fünf Skandhas. Damit beschreibt der Buddhismus jene Vorgänge, aus denen wir gewöhnlich ein festes „Ich“ zusammensetzen.

Fünf Tuschekreise im Sumi-e-Stil nebeneinander, jeder anders gefüllt, verbunden durch eine einzige durchgehende Pinsellinie, mit feinen Goldsprenkeln.
Fünf Bereiche. Verbunden, veränderlich, nicht voneinander isoliert.
  • Form. Körperliche Form und Materie.
  • ShòuEmpfinden. Das Empfinden einer Erfahrung als angenehm, unangenehm oder neutral.
  • XiǎngWahrnehmung. Wahrnehmung, Wiedererkennen und Benennen.
  • XíngWillensimpulse. Willensimpulse, Gewohnheiten und mentale Formungen.
  • ShíBewusstsein.

Das Sutra behauptet nicht, dass Körper, Wahrnehmung oder Bewusstsein schlicht verschwinden. Es sagt, dass keiner dieser Bereiche eine unveränderliche, unabhängige Substanz besitzt. Alles entsteht durch Bedingungen, verändert sich und vergeht wieder.

空 · Leerheit bedeutet nicht Nichts

Das zentrale Zeichen ist 空, Kōng. Es bedeutet leer oder Leerheit. Dieser Begriff wird schnell missverstanden. Leerheit heisst nicht, dass die Welt unwirklich wäre oder dass nichts Bedeutung hätte. Gemeint ist, dass nichts vollständig aus sich selbst heraus besteht. Dinge entstehen durch Ursachen, Beziehungen, Bedingungen und unsere Art, sie wahrzunehmen. In den philosophischen Traditionen des Mahayana wird Leerheit deshalb als das Fehlen einer unabhängigen, unveränderlichen Eigennatur verstanden.

Tuschezeichnung eines Seils mit einem Knoten, das nach unten in aufgelöste, verlaufende Pinselstriche übergeht — der Knoten ist da und löst sich zugleich auf.
Der Knoten ist wirklich. Aber er besteht nicht aus sich allein.

Ein Knoten ist dafür ein greifbares Bild. Er existiert. Er kann halten, Druck erzeugen und bei falscher Anwendung sogar verletzen. Aber der Knoten besitzt kein unabhängiges Wesen. Ohne Seil, Spannung, Richtung, Hände und die einzelnen Kreuzungen gibt es keinen Knoten. Verändert sich eine dieser Bedingungen, verändert sich auch der Knoten.

Er ist da. Und trotzdem ist er leer von einer festen Eigennatur. Genau deshalb kann er verändert und gelöst werden.

色 · Form ist Leerheit

Der bekannteste Satz des Herzsutras lautet:

色即是空,空即是色。

Sè jí shì kōng, kōng jí shì sè.

Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.

Das ist keine Ablehnung des Körpers. Form und Leerheit stehen nicht als zwei getrennte Welten nebeneinander. Die Form ist leer, weil sie abhängig entstanden und ständig in Veränderung ist. Und Leerheit zeigt sich niemals irgendwo ausserhalb der konkreten Form.

Mein Körper ist nicht bedeutungslos, weil er sich verändert. Seine Veränderlichkeit gehört zu seiner Wirklichkeit. Ein Gefühl ist nicht falsch, weil es vergeht. Ein Gedanke verliert seinen absoluten Anspruch, sobald ich erkenne, dass auch er durch Erfahrungen, Ängste, Erinnerungen und gegenwärtige Bedingungen entstanden ist.

Das schafft Raum.

無 · Kein Erlangen

無, Wú, erscheint auf der Rolle immer wieder. Das Zeichen bedeutet „kein“, „ohne“ oder „nicht vorhanden“. Das Sutra spricht von keinem Auge, keinem Ohr, keiner festen Wahrnehmung, keinem Leiden, keinem Weg und schliesslich sogar von keiner Weisheit und keinem Erlangen.

無智亦無得。

Wú zhì yì wú dé.

Keine Weisheit und kein Erlangen.

Diese Zeile ist unbequem. Selbst spirituelle Erkenntnis darf nicht zum Besitzstück werden. Wer unbedingt weise sein, ankommen oder einen besonderen Zustand festhalten will, baut sich bereits das nächste starre Bild. Das gilt ebenso im Kung Fu. Eine Form kann technisch sauberer werden, der Stand stabiler, der Atem ruhiger. Doch sobald ich glaube, den Weg endgültig verstanden zu haben, werde ich eng.

Das Herzsutra nimmt einem sogar die Trophäe des Erwachens wieder aus der Hand.

礙 · Herz ohne Hindernis

心無罣礙,無罣礙故,無有恐怖。

Xīn wú guà’ài, wú guà’ài gù, wú yǒu kǒngbù.

Weil das Herz ohne Hindernis ist, gibt es keine Furcht.

Damit ist keine künstliche Furchtlosigkeit gemeint. Angst wird nicht verdrängt. Vielmehr löst sich ein Teil ihrer Macht, wenn ich nicht mehr alles als fest, endgültig und unveränderlich behandeln muss. Ein Zustand bleibt nicht für immer. Eine Rolle bleibt nicht für immer. Auch das Bild, das ich von mir selbst trage, ist nicht in Stein gemeisselt.

呪 · Das Mantra des Herzsutras

Am Ende der Schriftrolle steht das Mantra in chinesischen Lautzeichen:

揭諦 揭諦 波羅揭諦 波羅僧揭諦 菩提薩婆訶

Gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā.

Gegangen, gegangen, hinübergegangen, vollkommen hinübergegangen, Erwachen, svāhā.

So lässt sich das Mantra sprechen

Ga-te  ·  ga-te  ·  paa-ra-ga-te  ·  paa-ra-sang-ga-te  ·  bo-dhi  ·  swaa-haa

TeilSprechhilfeHinweis
gatega-teDas e klar und lang sprechen, nicht wie das englische „gate“.
pārapaa-raDas ā dauert ungefähr doppelt so lang wie ein kurzes a.
saṃgatesang-ga-teDas ṃ wird vor dem g zu einem nasalen ng-Laut.
bodhibo-dhiAuf das d folgt ein leichter Atemlaut.
svāhāswaa-haaDas v liegt klanglich zwischen unserem w und v.

Eine vollständig eindeutige deutsche Übersetzung gibt es nicht. Mantras funktionieren nicht wie gewöhnliche Aussagesätze, und besonders svāhā lässt sich kaum direkt übertragen. Gate bedeutet „gegangen“. Pāra bezeichnet das andere Ufer oder das Jenseitige. Saṃ verstärkt die Aussage und kann „vollständig“, „ganz“ oder „gemeinsam“ bedeuten. Bodhi ist das Erwachen. Svāhā ist eine rituelle Bekräftigung, vergleichbar mit einem gesprochenen Besiegeln, aber nicht deckungsgleich mit unserem „Amen“.

Für mich spricht das Mantra von Bewegung. Vom Loslassen fester Vorstellungen, vom Überschreiten gewohnter Grenzen und von einem Erwachen, das sich nicht erzwingen lässt.

行 · Ein kleiner Anfang für meine Meditation

Ich möchte das Mantra wieder in meine Meditationsarbeit aufnehmen. Klein. Ohne daraus gleich ein kompliziertes Ritual zu bauen.

  • Ankommen. Drei ruhige Atemzüge. Den Körper spüren, ohne etwas verändern zu müssen.
  • Rezitation. Das Mantra neunmal langsam sprechen. Die Zahl ist hier keine traditionelle Vorgabe, sondern ein einfacher Rahmen für meinen Anfang.
  • Stille. Nach der letzten Wiederholung zwei Minuten sitzen bleiben und beobachten, woran mein Geist gerade festhält.
  • Schliessen. Mit einem langen Ausatmen enden. Nicht bewerten, ob die Meditation „gut“ war.

Für den Anfang reichen fünf Minuten.

揭諦 揭諦 波羅揭諦 波羅僧揭諦 菩提薩婆訶
Gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā.

Stjepan

典 · Quellen und Einordnung

Die persönliche Geschichte, die Datierung der Schriftrolle, ihre Segnung und die Verbindung zu meinem Kung-Fu-Weg beruhen auf meinen eigenen Erinnerungen und Unterlagen. Die Erläuterungen zum Herzsutra wurden für diesen Blog mit kanonischen, wissenschaftlichen und sprachlichen Quellen abgeglichen.

CBETA: 般若波羅蜜多心經, T0251
Kanonischer chinesischer Text der Xuanzang zugeschriebenen Kurzfassung.
84000: The Heart of the Perfection of Wisdom
Übersetzung des Herzsutras aus dem tibetischen buddhistischen Kanon.
Stanford Encyclopedia of Philosophy: Madhyamaka
Fachliche Einordnung von Leerheit als Fehlen einer inhärenten Eigennatur.
Cambridge Introduction to Sanskrit
Grundlagen zu Lauten, Vokallänge und Aussprache des Sanskrit.
Richard Hayes: Heart Mantra
Sprachliche Erläuterung der einzelnen Bestandteile des Abschlussmantras.
安 · Hinweis zur Deutung

Das Herzsutra wurde über viele Jahrhunderte in unterschiedlichen buddhistischen Schulen kommentiert. Einzelne Begriffe, besonders das Mantra, lassen mehrere sprachlich und traditionell begründete Übersetzungen zu. Dieser Text beansprucht deshalb keine einzig gültige Lesart. Er verbindet sorgfältige Einordnung mit meiner persönlichen Annäherung.